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Die ganze Wahrheit (oder fast) ISBN-Nr. 978-3-8391-7452-4 Illustrationen Peter Meyer * "eine kleine Kostprobe" Ohne Worte
Über meinen Leib
legt sich ein Mantel
ebenmässiger Stille.
Eine magische Berührung
inmitten
tausender von Berührungen
und ich wusste es.
Du bist da.
Aus dem Nichts
bist du mir zugeflogen und
hast bei mir kurz angehalten.
Du,
winziger, kleiner Funke Leben.
Wie gross muss meine Liebe für dich
gewesen sein,
wenn mein Herz
immer noch nicht vermag,
über dich zu erzählen.
Meine Worte ersticken immer noch
im Schluchzen
meiner Sehnsucht.
* Stille
Anfangs gab es absolute Stille.
Und am Ende gab es absolute Stille.
In der Mitte, ich.
Mit Erde bedeckt,
im Bauch des Lebens atmend.
Wie fühlt es sich an,
wenn die Sonne stirbt?
Wenn der Himmel nicht mehr leuchtet?
Wenn die Ruhe nicht mehr trösten kann?
Ohrenzerreissende Ruhe,
weil keiner etwas sagt.
Oder
nicht sagt.
*
Jede
Sekunde
stirbt auf
der Erde
ein Kind an
den Folgen von Hunger, Armut oder Krieg.
Das macht während der Stunde, die ich hier
freudestrahlend und entspannt am Esstisch sitze
3600
Tote.
Ich
esse statt
eines grossen nur
ein kleines
Stück
Schokolade:
Bitter-
Schokolade.
*
Die ganze Wahrheit (oder fast)
Und ein Atemzug später
blickte ich
auf meine schweigenden
Hände,
wie sie verblassten,
und dann
auf ihn,
wie er sich verlor
und sich wieder sammelte.
Als er vorhin fragte:
„Liebst du mich“
Antwortete ich: Ja.
Aber, wie…
*
Aufbruch
Was sich hinter
dicken Mauern
abspielt,
reizt Phantasien
tugendhafter Menschen.
Jener Menschen,
die dem eigenen Gefängnis
noch nie
entlaufen
sind.
*
Anleitung
Nehmen sie sich genügend Zeit, die Verpackung langsam und behutsam zu öffnen. Einmal auf, auf keinen Fall zu schnell konsumieren. Vor Erschütterungen schützen und regelmässig giessen. Von langfristiger Dauer, wenn warm gehalten. Sofern täglich mit einem zarten Kuss, einem lieben Wort und einer herzlichen Umarmung beschert, blüht sie unendlich. *
Quo vadis
Wehrlos
folgt dir
mein Herz,
in die blinde Gasse.
Wohin ich auch immer schaue, kein Schlupfloch
für meine Seele. Ich kenne diese
gottverfluchten Gassen.
Es sind Sackgassen.
Anonyme, entseelte
Sackgassen.
Lautlos und in sich
gekehrt.
Sie warten auf mich.
Um mich
zu verschlingen.
*
www.frauen.int
In Schatten
unserer Schatten verstossen,
im Feuer verbrannt,
rote Huren genannt.
Verräterinnen,
kulturell verschwiegene
Hexen und Teufelsbräute.
Gehetzte, Gejagte
im Diesseits und Jenseits.
In die Dunkelheit verjagt
mit Demütigungen
kaltgemacht.
Aber!
Ohne Frauen geht es nicht.
Das hat sogar Gott
einsehen müssen. *
Staccato
Dich nur aus Distanz lieben.
Dich nur aus der Ferne denken
und dich nie ganz nah empfinden.
Distanz. Nähe.
So weit auseinander,
so nah beieinander.
Sich brennend
einlassen und
gleich wieder
Abstand suchen.
Abstand,
der diese verzweifelte
Liebe überschaubar macht.
*
Rätsel
Jedes Mal, wenn du mir gut tust,
eile ich in meine vier Wände und zünde eine Kerze an. Jedes Mal, wenn du mir weh tust, eile ich in den Wald und breche einem Baum einen Ast ab. Die Feuerwehr musste bei mir nie einrücken. Dafür zerbrechen sich die Förster den Kopf, warum der Wald so schnell stirbt. *
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